Wasserstoff-Infrastruktur für zukunftsweisende Anwendungen und den technologischen Durchbruch in Österreich (WIZARD)

Erarbeitung einer fundierten Entscheidungsgrundlage für den Ausbau der Wasserstoff-Forschungsinfrastruktur in Österreich.

Bibliographische Daten

Schriftenreihe 66/2026
Marie-Gabrielle Macherhammer, Klara Treusch, Alexander Trattner, Stephan Abermann, Maximilian Wolf, Selina Götz, Theodoros Dimopoulos, Aria Rodgarkia-Dara, Maximiliane Reger
Herausgeber: BMIMI
Deutsch, 151 Seiten

Inhaltsbeschreibung

Mit der F&E-Dienstleistung WIZARD wurde im Auftrag des BMIMI auf Basis der HyPA-Beiratsempfehlung 2024 eine fundierte Entscheidungsgrundlage für den Ausbau der Wasserstoff-Forschungsinfrastruktur in Österreich erarbeitet. In sechs Arbeitspaketen wurden Ziele und KPIs definiert, die bestehende Forschungsinfrastruktur in Österreich und Europa systematisch erhoben, Investitions- und Finanzierungsmodelle analysiert sowie der strategische Nutzen für den Standort Österreich bewertet.

Die Gap-Analyse zeigt: Österreich verfügt über eine im europäischen Vergleich sehr breite und exzellente H2-Forschungslandschaft (u.a. HyCentA/TU Graz, AIT, Montanuniversität Leoben, TU Wien) mit international sichtbaren Spezialkompetenzen in kryogenen Systemen (LH2), H2-Verbrennungsmotoren, Hochdrucktechnologien, Methanpyrolyse und wasserstoffbasierter Stahlerzeugung sowie Material- und Sicherheitsfragen. Die zentrale strukturelle Lücke liegt jedoch für die Elektrolyse und die Brennstoffzelle in der durchgängigen Transferkette von der Materialentwicklung über Zelle und Stack bis zur Vorserie: Es fehlen semi-industrielle Fertigungs- und Testkapazitäten, KI-gestützte, datenintensive Entwicklungsplattformen („Materials Acceleration Platforms") sowie in weiterer Folge ein offener, niederschwelliger Zugang für KMU und Start-ups.

Zur Schließung dieser Lücke wird ein komplementäres, vollständig digital integriertes Infrastrukturkonzept empfohlen: eine Plattform für automatisierte Zellfabrikation (KI-gestützte Materialentwicklung, kombinatorische Abscheidung, Hochdurchsatz-Charakterisierung, parallelisiertes Zelltesten) und semi-industrielle Stackfabrikation (Roboterfertigung, additive Fertigung, Vollflächen-Stack-Teststände für PEM, AEM/AEL und SOE, Ex-situ-Analytik). Das empfohlene Gesamtinvestitionsvolumen beträgt 50 Mio. € (davon 36,5 Mio. € CAPEX und 13,5 Mio. € OPEX über fünf Jahre Aufbauphase). Damit wird die in der HyPA-Empfehlung genannte Untergrenze von 40 Mio. € konkretisiert und durch die vollständige digitale Integration (digitaler Zwilling, KI-Agenten, FAIR-Datenplattform) plausibilisiert.

Im Vordergrund steht dabei der Transfer von Wissen aus der Grundlagenforschung in Markt und Wertschöpfung: Die Plattform verbindet die Grundlagenforschung an Universitäten und Forschungseinrichtungen über den Bereich mittlerer Reifegrade (TRL/MRL 3–7) unmittelbar mit der industriellen Anwendung, sodass Forschungsergebnisse schneller zu Produkten, Fertigungsprozessen und Wertschöpfung in Österreich führen. Ihre Module für KI-gestützte Materialentwicklung, kombinatorische Abscheidung, Hochdurchsatz-Charakterisierung, additive Fertigung und Analytik sind nicht auf Wasserstofftechnologien beschränkt. Sie bauen unter anderem auf der Materialwissenschaft auf, einer besonderen Stärke Österreichs, und können so weitere Schlüsseltechnologien und Stärkefelder der Industriestrategie Österreich 2035 adressieren, etwa „Fortgeschrittene Werkstoffe", „Energie- und Umwelttechnologien", „Weltraum- und Luftfahrttechnologien" und „Mobilitätstechnologien", und damit Branchen wie die Automotive-Zulieferindustrie und die Metallverarbeitung. Zudem lassen sich mit Elektrolyse und Brennstoffzelle verwandte elektrochemische Technologien in der semi-automatisierten Plattform entwickeln und testen, etwa (elektro-)katalytische Technologien zur CO₂-Abscheidung und -Konversion, die Co-Elektrolyse oder weitere Power-to-X-Verfahren. Diese Variabilität erhöht die Auslastungssicherheit der Infrastruktur und verringert ihre Abhängigkeit vom Markthochlauf einzelner Wasserstofftechnologien.

Die so entstehende End-to-End-Plattform – von der Materialentwicklung über Fertigung bis zu Test und Validierung – wäre in dieser vollintegrierten Form auf europäischer Ebene einzigartig und könnte Österreich nach dem Vorbild von imec (Flandern) als hochspezialisierten F&E-Hub im europäischen Wasserstoff-Ökosystem positionieren. Erwartete Wirkungen innerhalb von zehn Jahren ab Betriebsbeginn sind: 2–5 Scale-ups/Spin-offs, 25–50 Mio. € Folgeinvestitionen, rund 15 Industrieprojekte pro Jahr, 4–6 Patentfamilien pro Jahr, über 300 Plattformnutzer:innen (davon über 150 KMU und Start-ups) sowie eine bis zu fünffache Beschleunigung der Materialentwicklung.
Die Finanzierung kann – abhängig von den finanziellen Rahmenbedingungen – ausschließlich mittels öffentlicher, nationaler Förderung oder aus einem Mix aus nationalen Infrastruktur- und Transformationsprogrammen, europäischen Instrumenten sowie privater Beteiligung erfolgen. Ein Hybridansatz aus öffentlicher Ankerfinanzierung und nachfolgendem, projektbezogen finanziertem Ausbau kann einen Kompromiss aus den zuvor genannten Varianten darstellen. Die Governance sollte einem mehrjährigen Management-Agreement mit klaren KPI-Systemen und Open-Access-Regeln folgen.

Drei Schlüsselbotschaften fassen den Bericht und somit die Ergebnisse aus WIZARD zusammen:

Erstens ist die Investition volkswirtschaftlich fundiert: Öffentlich finanzierte Forschung erzielt nachweislich hohe gesellschaftliche Renditen, sodass je eingesetztem Förder-Euro ein Vielfaches an regionaler Wertschöpfung und fiskalischem Rückfluss entstehen kann.

Zweitens wirkt die vorgeschlagene Infrastruktur-Plattform unmittelbar auf den Standort Österreich: Sie beschleunigt den Transfer von Wissen aus der Grundlagenforschung in Markt und Wertschöpfung, senkt Kosten und Risiken nachfolgender Pilot- und Demonstrationsvorhaben, stärkt die Wettbewerbsposition der österreichischen Wasserstoffwirtschaft mit ihren bereits rund 5.800 Beschäftigten in einem rasch wachsenden europäischen Markt und eröffnet der heimischen Automotive-Zulieferindustrie einen konkreten Transformationspfad in die Elektrolyseur- und Brennstoffzellenfertigung.

Drittens ist das Zeitfenster für eine maximale Wirkung begrenzt: Planung, Errichtung und Inbetriebnahme vergleichbarer Infrastrukturen benötigen mehrere Jahre, während europäische Wettbewerber ihre Kapazitäten bereits massiv ausbauen. Eine zeitnahe Investitionsentscheidung wird daher empfohlen.

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